Deutschlands größter Mann

30. Januar 2014 at 14:10

uhle_wettler__erich_ludendorff_285x255 Erich Ludendorff und seine Zeit: Franz Uhle-Wettlers Biographie über einen großen Heerführer

Ernst von Salomon berichtet in seinen Erinnerungen an die Zeit in der Berliner Kadettenanstalt von einem Besuch seines Vaters Anfang 1918, der ihn zum Essen in ein Hotel einlud. Dort hingen auf dem Flur Bilder deutscher Heerführer. Als sie unter dem Porträt von Ludendorff standen, sagte der Vater ehrfurchtsvoll: „Das ist Deutschlands größter Mann!“ Und als sein Sohn zaghaft nach dem Kaiser fragte, winkte der Vater mit den Worten ab: „Ach, der Kaiser…“

Diese Begebenheit zeigt anschaulich, welche Bedeutung der bei Kriegsbeginn als einer der jüngsten Generäle noch völlig unbekannte Erich Ludendorff im Deutschen Reich hatte. Nach Kriegsende von den Alliierten als „Kriegsverbrecher“ gesucht, als Teilnehmer des Marsches zur Feldherrnhalle 1923, als Verbindungsmann zu rechten und rechtsextremen Kreisen, als religiöser Sinnstifter und Apologet des „Totalen Krieges“ war er insbesondere nach dem Zweiten Weltkrieg eine der Unpersonen der Zeitgeschichte. Interessanterweise hat sich auch nach 1945 kein deutscher Historiker an eine Biographie Ludendorffs gewagt.

Diese Lücke schloß 1995 Generalleutnant a.D. Dr. Franz Uhle-Wettler. Ein Jahr später lauschte der Rezensent auf einer Tagung der GfP dem Autor, der im knarzigen Tonfall eines preußischen Generals mit lakonischer Generalstabspräzision, dabei aber nicht ohne Witz und mit profunder Sachkenntnis über „sein“ Thema berichtete, kaufte das Buch und ließ es sich signieren. Innerhalb weniger Tage hatte er es gelesen und mit zahlreichen Anstreichungen und Anmerkungen versehen.

Schon damals war auffällig, das Uhle-Wettler nicht nur für biographische Militärgeschichte prädestiniert war. Jahrgang 1927, kämpfte er nach Flakhelfereinsatz noch gegen Ende des Krieges in der Kriegsmarine, anschließend zwei Jahre Gefangenschaft. Danach Studium der Geschichte und der orientalischen Sprachen, mit dem Fahrrad nach und durch Indien und hoch zu Pferd durch Afghanistan und Persien, zu einer Zeit, als in den Hotels noch kein „American Standard“ herrschte und Coca Cola eine Seltenheit war; daran sieht man, daß der spätere General nicht von Karriere-, sondern von Erkenntnisinteresse geleitet war, denn mit diesen Orchideenfächern war eine akademische Karriere nur schwer planbar. 1956 entschied er sich – glücklicherweise – für den Beruf des Offiziers in der neu gegründeten Bundeswehr, bei Karriereende war er Kommandeur des NATO Defence College in Rom. Seine geistige und persönliche Unabhängigkeit bewies er nicht nur durch seine Bücher, sondern auch durch die Einladung eines unbescholtenen hohen Offiziers der Waffen-SS zum Großen Zapfenstreich bei seiner Verabschiedung 1987 und sein mutiges Eintreten für Erich Priebke.

Die vorliegende, soeben erschienene Neuauflage der Biographie Ludendorffs zeichnet sich durch unvoreingenommenes Herangehen an die Quellen aus, durch aufwendige Recherchen nach weit verstreuten und oft in Privatbesitz befindlichen zentralen Briefen und Akten, durch die Verbindung von weitreichenden historischen Kenntnissen mit der Vertrautheit militärischer Strukturen und des Komments, z. Bsp. der Beurteilungs- und Beförderungspraxis, aber auch der allgemeinen und der Sozialgeschichte aus. Vor allem aber weiß Uhle-Wettler, was Krieg bedeutet und wie Menschen in ihm (re)agieren, im Gegensatz zu zivilen Historikern, die „Vom Kriege“, wenn überhaupt, im allgemeinen wie Klein Fritzchen fabulieren. Der Detailreichtum seiner Werke, kurze Sätze und die präzisen Formulierungen weisen den Autor darüber hinaus als einen der, vielleicht sogar den vorerst letzten Vertreter unaufdringlicher, unabhängiger und souveräner deutscher Generalstabsgelehrsamkeit aus.

Uhle-Wettler gelingt es sowohl in seiner Ludendorff- wie auch in seiner Tirpitz-Biographie, den Werdegang zweier außergewöhnlicher militärischer Begabungen vor dem Hintergrund ihrer Zeit lebendig werden zu lassen. Kaum ein Kapitel, wo nicht internationale Vergleiche herangezogen werden, die sofort schlagartig deutlich machen, daß die meisten Vorwürfe, die heutige Historiker den führenden deutschen Politikern und Militärs des zweiten Kaiserreichs vorhalten, in den anderen europäischen Großmächten in gleicher Weise, wenn nicht sogar stärker ausgeprägt waren.
Wir erfahren bei Ludendorff exemplarisch etwas über den Werdegang eines preußischen Offiziers, sein karges Gehalt, sein Ethos, seine Erziehung, seinen gesellschaftlichen Umgang und seine Stellung, den Verlauf einer vielversprechenden Karriere. Aber erst mit dem Beginn des Ersten Weltkriegs wurde schlagartig das Außergewöhnliche seiner Leistungsfähigkeit auf diversen, eben nicht nur militärischen Gebieten deutlich. Es war dem erst wenige Monate einen Generalsrang bekleidenden Ludendorff zu verdanken, daß der Schlieffen-Plan nicht bereits in den ersten Tagen des Krieges scheiterte. Als am 5. August 1914 der Angriff auf die Festung Lüttich ins Stocken geriet, gelang es Ludendorff, der an der Spitze eines versprengten Haufens unerschütterlich durch das feindliche Feuer ging, mit wenigen 100 Männern die Festung Lüttich, die von gut 50.000 belgischen Soldaten verteidigt wurde, im Handstreich zu nehmen. Für diese persönliche Tapferkeit erhielt er als einer der ersten den höchsten militärischen Orden Preußens, den Pour le Mérite.

Wenig später gelang ihm mit der Schlacht von Tannenberg, eine sich anbahnende militärische Katastrophe abzuwenden und durch die Einschließung der zweiten russischen Armee eine Atempause für die deutsche Ostfront herbeizuführen, aber erst der Abgleich mit der Kriegsgeschichte zeigt, was dies für eine Leistung war. Uhle-Wettler zitiert: „Nach Leipzig, Metz und Sedan steht Tannenberg als die größte Einkreisungsschlacht dar, die die Weltgeschichte kennt. Sie wurde im Gegensatz zu diesen gegen einen an Zahl überlegenen Gegner geschlagen, während gleichzeitig beide Flanken von weiterer Übermacht bedroht waren. Die Kriegsgeschichte hat kein Beispiel einer ähnlichen Leistung aufzuweisen – bei Cannae fehlt die Rückenbedrohung.“

Nach seiner Ernennung zum ersten Generalquartiermeister und seiner faktischen militärischen Lenkung des Kriegsgeschehens – die „Diktatur Ludendorffs“ – zeigt Uhle-Wettler, an wie vielen innenpolitischen, außenpolitischen und militärischen Fronten Ludendorff und Hindenburg gleichzeitig wirkten und bemüht waren, u. a. einen tragbaren Friedensschluss herbeizuführen, da ihnen die begrenzten Ressourcen des Deutschen Reiches natürlich bekannt waren. Geradezu übermenschlich war die Fülle von Einzelheiten, Fragen der Technik, der Waffenentwicklung, der Rüstungsproduktion, des Nachschubs, der Arbeitskräftebeschaffung, der Nahrungsmittelbeschaffung und -verteilung, außenpolitische Probleme wie der Umgang mit den Polen, der U-Boot Krieg, die Deportation belgischer Arbeiter und vieles andere. Die Arbeitsbelastung geht aus einer Anekdote hervor, die ein Nachfahre eines zeitweiligen Mitarbeiters Ludendorffs, der 1915/16 in Russisch-Polen für den Nachschub an dringend benötigtem Holzeinschlag verantwortlich war, dem Rezensenten erzähltte. Als dieser einmal gegen Mittag Meldung erstatten wollte, wurde er gebeten, so lange vor der Flügeltür zu warten, bis er einen dumpfen Schlag vernehme. Danach könne er klopfend eintreten. Als er das Geräusch vernahm, betrat er das Arbeitszimmer, Ludendorff erhob sich aus einem Sessel und erklärte dem erstaunten Offizier, er ruhe sich stets nach dem Mittagessen einige Minuten aus. Damit er nicht länger einschlafe, halte er einen schweren Aschenbecher in der Hand. Sobald er aber einschlafe, fiele dieser zu Boden und wecke ihn so auf. Dann ging es zurück an den Arbeitstisch. Der betreffende Offizier schrieb in seinen Erinnerungen, ihm sei zwar keine Frontverwendung mit höheren Orden vergönnt gewesen, aber die namentliche Erwähnung in den Erinnerungen Ludendorffs erfülle ihn fast mit dem gleichen Stolz wie ein Pour le Mérite.
Wichtig ist dem Biographen Ludendorffs auch dessen Suche nach einem Separatfrieden mit Rußland. Gerade hier wird deutlich, welche Unterschiede zwischen den wirklichen Friedensverhandlungen gleichberechtigter Partner in Brest-Litowsk und dem Friedensdiktat von Versailles bestanden, ein Vergleich, der eindeutig zu Gunsten Deutschlands ausfällt und für die Ritterlichkeit Ludendorffs spricht.

Uhle-Wettler weicht auch den Nachkriegsaktivitäten von Ludendorff nicht aus. Auf den letzten 50 Seiten beschreibt er anschaulich die Zeit des Kapp-Putsches, des Hitlerputsches und des „Weltrevolutionärs“ Ludendorff, der in den letzten zwölf Jahren seines Lebens nicht nur militärische Themen behandelte, sondern sich auch weltanschaulich-religiös positionierte. Auch sein spannungsgeladenes Verhältnis zu Hitler und seine Gegnerschaft nach der Machtergreifung werden deutlich herausgestellt.

Wer Ausgewogenes über das deutsche Militär der Kaiserzeit und den Ersten Weltkrieg erfahren will, wird kein besseres Buch als die beiden Biographien Uhle-Wettlers über Ludendorff und Tirpitz finden können. Wer etwas über die entscheidenden militärischen Schlachten Deutschlands erfahren will, dem seien seine „Höhe- und Wendepunkte Deutscher Militärgeschichte“ empfohlen, und wer etwas Grundsätzliches über den Krieg und die verschiedenen Formen der Kriegführung in den letzten beiden Jahrtausenden lesen möchte, dem sei das Bändchen „Die Gesichter des Mars – Krieg im Wandel der Zeiten“ ans Herz gelegt, denn was John Keegan für die britische Militärgeschichtsschreibung ist, das ist Uhle-Wettler für die deutsche: Nestor, Doyen und Maßstab!

Die vom Ares-Verlag nun dankenswerterweise herausgegebene dritte, vollständig überarbeitete und erweiterte Auflage dieses Glanzstücks der deutschen Militärgeschichtsschreibung füllt gemeinsam mit den beiden anderen Neuauflagen von Uhle-Wettler, der Tirpitz-Biographie sowie der „Höhe- und Wendepunkte Deutscher Militärgeschichte“ das Vakuum aus, das die bundesdeutsche Militärgeschichte bis auf den heutigen Tag hinterlassen hat.

Buchempfehlungen:

Franz Uhle-Wettler:
Erich Ludendorff. Soldat – Feldherr – Revolutionär,
Graz (Ares-Verlag) 2013, 512 S., 29,90 €.
Best.-Nr.: 106.819

Höhe- und Wendepunkte deutscher Militärgeschichte.
Von Leuthen bis Stalingrad, 416
Seiten, ca. 8 Farbbildseiten, zahlr. S/W-Abbildungen,
Hardcover
19,90 €. Best.-Nr.: 102.936

Alfred von Tirpitz in seiner Zeit, 559 Seiten,
Hardcover.29,90 €. Best.-Nr.: 104.440