Dresden und der anglo-amerikanische Bombenterror

30. Januar 2014 at 13:39

Bild DDErinnern und Gedenken: Hintergründe eines ungesühnten Kriegsverbrechens

Jedes Jahr gedenken deutsche Patrioten mit Würde und Respekt der Opfer der unmenschlichen Bombardierungen Dresdens vom 13./14. Februar 1945, die wiederum stellvertretend für Hunderttausende deutsche Bombenopfer des Zweiten Weltkrieges stehen.

Dies ist allein schon deshalb Ehrensache, weil der unschuldigen zivilen deutschen Opfer des Zweiten Weltkrieges durch die eigene Regierung auch nicht im entferntesten mit der gleichen Inbrunst gedacht wird und wird wie anderer Opfer dieses Krieges – und diese negative Hierarchisierung ist nicht nur in höchstem Maße entwürdigend, sie ist auch Zeichen unserer politischen und geistigen Knechtschaft und zudem ein lukratives Geschäft zahlreicher Opferverbände.

Die angelsächsische und damit auch die amerikanische Kriegführung sind seit jeher darauf ausgerichtet, den Zivilisten der gegnerischen Seite ein Höchstmaß an Schaden zuzufügen. Seit dem 18. Jahrhundert hat man bedenkenlos Städte ausgehungert oder bombardiert, etwa Quebec 1759 oder Kopenhagen 1809. Der Begriff to* copenhagen*, der „Kopenhagisierung“, des Überfalls, der Brandschatzung und Ausraubung einer unbefestigten Stadt wurde im 19. Jahrhundert sogar zum geflügelten Wort und zur englischen Drohkulisse. Als Rüstungsminister veranlaßte Churchill bereits zu Beginn des Ersten Weltkriegs den Bau viermotoriger Doppeldeckerbomber, von denen 1918/19 450 Exemplare gebaut wurden, und deren Piloten in gepanzerten Kabinen zunächst das Rheinland hätten bombardieren sollen, die aber auch damals schon bis nach Berlin fliegen konnten, hätte das Deutsche Reich nicht bereits im November 1918 kapituliert.

Zivilbevölkerung im Visier

Der Begriff des Luftterrors stammt übrigens nicht von Goebbels, sondern von Churchill. Bezeichnend für die beabsichtigte Art der Kriegführung ist weniger die Kriegführung selbst, die sich im Kriegsverlauf stets der Eskalation anpaßt, sondern die Rüstung, also die Vorbereitung des Instruments, mit dem man den Krieg führen will. In einem umfangreichen deutschen Handbuch über den Luftschutz aus dem Jahre 1937 wurde darauf hingewiesen, daß man sich auf Flächenbombardements von viermotorigen Bombern nicht einzustellen brauche, da deren Herstellung so teuer sei, daß kein Staat in der Lage sein würde, davon großen Flotten zu unterhalten. Außerdem wären sie für das Gefechtsfeld zu unpräzise. Man unterschätzte auf deutscher Seite damals noch die angloamerikanische technisch-nihilistische Skrupellosigkeit, sondern auch deren Bereitschaft, sofort nach Kriegsbeginn die Kampfhandlungen auf die Zivilbevölkerung auszudehnen.

Ein Beispiel hierfür ist eine Äußerung Churchills vom Juni 1940: Als der britische Kriegspremier am 10. Juni 1940 erfuhr, daß Mussolini dem faktisch bereits geschlagenen Frankreich auch noch feige den Krieg erklärte, fragte er die Verantwortlichen der Royal Air Force, ob sich die britischen Bomberflotten in Frankreich in Reichweite der norditalienischen Kulturstädte Mailand, Venedig oder Genua befänden. Auf die verständnislose Frage, ob man nicht lieber die italienische Front bombardieren sollte, bemerkte Churchill wörtlich: „Leute, die nach Italien reisen, um sich Ruinen anzusehen, werden in Zukunft nicht mehr bis Neapel oder Pompeji fahren müssen.“ Der eine oder andere mag dies vielleicht für geistreich oder gar witzig halten, aber angesichts dessen, was dann in Deutschland, aber auch in Italien (Monte Casino) und Frankreich (Caen) passierte, kann man dies nur als zynisch und menschenverachtend bezeichnen.

Man hat sich oft gefragt, warum Dresden, das bis zum Februar 1945 nur von marginalen Bombenangriffen heimgesucht und nahezu unzerstört war, bis zu diesem Zeitpunkt verschont worden war, und mancher Blauäugige glaubte, die Engländer hätten dies aus Respekt vor der Kulturmetropole getan, die zudem weitestgehend unverteidigt und militärisch bedeutungslos war. Nach dem Inferno des „1.000 Bomberangriffs“ fragte man sich, warum das noch sein mußte, wo doch alle anderen deutschen Großstädte und selbst die Mittelzentren und auch kleinere Orte systematisch ausgebrannt und pulverisiert worden waren. Eine Mutmaßung war, daß auf der Konferenz von Jalta die Sowjets ihre westlichen Partner aufgefordert hätten, den deutschen Widerstand an der Ostfront durch Luftangriffe auf das Hinterland zu schwächen. Dresden sei dabei als Eisenbahnknotenpunkt für Nachschubwege von besonderer Bedeutung gewesen. Diese Luftangriffe wurden tatsächlich debattiert, aber die Russen, die bereits etwa 100 Kilometer von Dresden entfernt waren, lehnten das ab, weil die Gefahr, daß eigene Truppen – vielleicht sogar nicht nur zufällig – dadurch erheblichen Schaden nehmen könnten, ihnen zu groß erschien. Wenn man bedenkt, daß sich 40 amerikanische Bomber beim Anflug auf Dresden verflogen hatten und ihre Bomben auf Prag abwarfen, versteht man dieses Argument.

Den Sowjets eine Lektion erteilen

Daß man die Dresdner Innenstadt, also nicht die Bereiche, in denen Industriebetriebe oder der militärisch genutzte Flughafen lagen, bombardierte, hat also andere, politische Gründe gehabt. Die westlichen Alliierten hatten der Sowjetunion kategorisch jede Einmischung in die Wiedererrichtung der staatlichen Strukturen der von ihnen eroberten Staaten – also Italien, Frankreich, Holland und Belgien – untersagt, da die militärischen Realitäten eindeutig seien. Als die Rote Armee am 10. Januar 1945 mit zigfacher Überlegenheit an Menschen und Material die deutsche Front überall überrollte, wollten Churchill und Roosevelt unbedingt auf einer Konferenz vorher Abmachungen über die Aufteilung des Deutschen Reiches mit den Sowjets erzielen. Stalin aber, der bei der Besetzung der osteuropäischen Länder dem Beispiel der Westalliierten gefolgt war, sah zunächst keine Notwendigkeit und vertraute wohl darauf, daß sich seine Truppen den größten Teil des deutschen Kuchens einverleiben würden. Schließlich stimmte er einem Treffen zu, aber auf sowjetischem Boden in Jalta.

Churchill hatte bei einem Vorgespräch mit Roosevelt Ende Januar 1945 große Sorgen, daß sich Stalin Vereinbarungen entziehen oder sich nicht an diese halten würde. Da man den Sowjets, was die Landstreitkräfte betraf, militärisch in keiner Weise gewachsen war, bedurfte es einer anderen Demonstration militärischer Stärke, die der Roten Armee zeigen würde, zu welchen Schlägen gegen zivile und auch militärische Ziele man noch in der Lage war. Umgehend gab Churchill Arthur Harris den ausdrücklichen Befehl, eine Großstadt im Osten Deutschlands auszulöschen, am 25. Januar präzisierte er, wo er die Deutschen „in die Luft gesprengt“ sehen wollte, irgendwo „in ihrem Rückzugsgebiet westlich von Breslau“. Da das Zentrum einer Großstadt zerstört werden sollte, konnte dies nur Dresden sein. Churchill hat den Sowjets am Nachthimmel über Dresden eine Lektion erteilen wollen. Ursprünglich war der Angriff für den 4. Februar vorgesehen, also als Paukenschlag während der Konferenz von Jalta. Dies scheiterte an der Witterung und wurde daher neun Tage später, am 13. Februar, nachgeholt. Nach dem Kriege erinnerten sich zwei der Bomber-Piloten, die die Ziele zu Beginn des Angriffs zu markieren hatten, daß ihnen offen gesagt worden war, dieser Angriff werde durchgeführt, um die Sowjets zu beeindrucken.

Die Piloten der Bomberpulks aber erhielten ganz andere Begründungen für diesen Angriff. Sie merkten instinktiv, daß es sich dabei nicht um einen Routineeinsatz handelte. Als das Ziel, nur die Innenstadt, bekannt gegeben wurde, kam es zu Unruhen, da den Piloten deutlich wurde, daß diesmal die Ausrede militärischer Anlagen bei den Flächenbombardements zur moralischen Selbstberuhigung nicht greifen würde. Daher betonten die Kommandeure noch einmal den militärischen Charakter der Operation, sie faselten von hypothetischen Munitionsfabriken, von Waffen- und Nachschubdepots, sie fantasierten von Dresden als einer „Festungsstadt“, in deren Zentrum sich ein „Hauptquartier der Wehrmacht“, ein „Gestapo-Hauptquartier“ und eine riesige „Giftfabrik“ befänden. Giftgas? Ja, der Irak-Krieg läßt grüßen! Trotzdem gab es nach der Einweisung des fliegenden Personals zum ersten Mal nicht die traditionellen Anfeuerungsrufe, sondern es herrschte eisiges Schweigen.

Erste Opfer des Kalten Krieges

Churchill wollte aber auf keinen Fall allein für dieses Massaker verantwortlich sein und hat deshalb die amerikanische Luftwaffe dafür „gewinnen“ können, sich an der Zerstörung zu beteiligen. Das Glück Dresdens, bis zu diesem Zeitpunkt noch unzerstört zu sein, verwandelte sich jetzt in das größte Unglück. Die Anglo-Amerikaner hatten so die Gelegenheit, innerhalb von 24 Stunden das gewaltige Zentrum einer noch „jungfräulichen“, solide und nicht in Fachwerkbauweise errichteten Großstadt vollkommen verwüsten zu können. Die 100 Kilometer entfernt stehende Rote Armee hat den Feuerschein über Dresden gesehen und verstanden. Ein kanadischer Bomberpilot erzählte nach dem Krieg, die Bombardierung Dresdens hätte vor allem das Ziel gehabt, den Sowjets klarzumachen, „daß sie sich zu benehmen hätten, sonst würden wir Ihnen zeigen, was wir auch mit russischen Städten anstellen könnten“.

Die Russen rückten aber nur langsam auf Dresden vor, und im April 1945, als die Amerikaner von Westen kommend bereits längst die sächsischen Grenzen überschritten hatten, sah es danach aus, als würden diese noch vor den Sowjets in Dresden erscheinen. Churchill, der darauf drängte, möglichst große Teile Deutschlands vor den Sowjets zu besetzen, bestand ausgerechnet darauf, den Sowjets zu erlauben, Dresden einzunehmen, allein damit sich diese als erste von der Wirkung des verheerenden Bombardements überzeugen konnten. Die Rote Armee rückte erst am 8. Mai in Dresden ein.

Hiroshima und insbesondere Nagasaki dienten auch nicht allein dazu, die Kapitulationsbereitschaft der Japaner zu verstärken. Da die UdSSR Japan am 1. August 1945, also eine Woche vor der Kapitulation, vereinbarungsgemäß den Krieg erklärte, konnte man ihren Machthabern durch Nagasaki anschaulich unter Beweis stellen, daß man jetzt sogar in der Lage war, mit einem einzigen Flugzeug eine Stadt auszulöschen.

Dresden und Nagasaki waren damit nicht die letzten Opfer des Zweiten Weltkrieges, sondern die ersten Opfer des Kalten Krieges. Das sollten auch die Kommunisten, die alljährlich gegen das Dresden-Gedenken nationaler Kräfte mobil machen, wissen. Dann würde ihnen klar, warum die DDR für den Luftkrieg der Amerikaner und Engländer gegen deutsche Städte die Bezeichnung übernommen hatte, die ihnen von Goebbels vererbt wurde, und die heute noch auf einem Gedenkstein in Dresden-Nickern zu lesen ist: Den Opfern des anglo-amerikanischen Bombenterrors