Unsere Qualitätsmedien

5. Mai 2014 at 14:32

roseEs überrascht nicht wirklich, daß man als Kandidat der NPD im weitestgehend anonymisierten Internet auf Facebook oder anderen Seiten von besonders mutigen Zeitgenossen, die ihre Zivilcourage mit Alkohol oder Rauschkraut befeuert zu haben scheinen, wenig schmeichelhafte Beleidigungen zugeschickt bekommt, falsche Anschuldigungen und Behauptungen, rüde Ausfälle, interessante Verwünschungen und viele andere Neckereien. Man sieht, daß die gleichgeschaltete Presse -bundesweit und über die Grenzen hinaus – ganze Arbeit geleistet hat und bei so manchen Zeitgenossen eine vollkommene mentale Dekonstruktion bewirken konnte.

Was hingegen doch so ein bißchen verwundert, ist, daß auch die sogenannten Qualitäts-Printmedien den Pfad der Tugend verlassen und – wenn sie schon berichten (müssen) – sich dem Niveau der freien Mitarbeiter kleiner Lokal-Postillen anpassen.

„Hinter dieser Zeitung steckt immer ein kluger Kopf“; mit diesem Slogan warb die Frankfurter Allgemeine Zeitung jahrzehntelang und schmeichelte damit nicht nur ihren Lesern, sondern gab deutlich zu verstehen, daß auch das Redaktionspersonal über eine bestialische Intelligenz verfügen mußte, fesselte es doch die Elite der Nation tagtäglich schon am Frühstückstisch. Tempi passati, inzwischen lesen wohl vermehrt Studienräte und ähnliche Mittelklasse-Intellektuelle, die früher Die Zeit abonniert hatten, die FAZ. Und darauf stellt sich natürlich auch die Redaktion ein.

So berichtete die FAZ nach dem Fall der Drei-Prozent-Hürde für die Europawahl über die dadurch eingetretenen Aussichten der kleinen Parteien, auch der NPD, und attestierte erfreulicherweise den beiden Spitzenkandidaten Udo Voigt und Olaf Rose beste Aussichten für einen Einzug nach Straßburg und Brüssel. Statt aber freundlich zu gratulieren oder die Daumen zu drücken, betonte man beim Spitzenkandidaten die Tatsache, daß dieser wegen Volksverhetzung (also wegen einer unliebsamen und strittigen historischen Tatsachenbehauptung) vorbestraft sei. Und da Olaf Rose mit dem Gesetz trotz aller Bemühungen der Staatsanwaltschaften noch nicht in Konflikt geraten ist, überlegte man in der Redaktion wahrscheinlich angestrengt, womit dieser Mann denn nun despektierlich dargestellt werden könne. Man teilte schließlich mit, daß ich Stadtrat in Pirna sei (wohl damit andeuten wollend, hier einen Politclown aus der tiefsten sächsischen Provinz vor sich zu haben, obwohl doch ein Stadtratsmandat sonst gar nicht so ehrenrührig aufgefaßt wird). Und damit das Ganze noch lustiger klingt, fügte man hinzu, daß es sich bei mir um einen ehemaligen Reiseleiter (Wäre nicht der Begriff Reise“führer“ noch verführerischer gewesen?) handelt. Den kompletten beruflichen und sonstigen Werdegang ließ man also weg und reduzierte ihn auf eine, wenn auch lang ausgeübte, Nebentätigkeit. Das ist ungefähr so, als wolle man Helmut Schmidt vorstellen und schreibt als einziges Merkmal: männlich, Oberleutnant der Nazi-Luftwaffe. Man kann es natürlich so machen, es ist auch nicht gelogen, aber es ist doch etwas fragwürdig.

Dabei hätte die Frankfurter Allgemeine Zeitung im hauseigenen Archiv mühelos recherchieren können, daß ich in meinem ersten demokratischen Leben mehrmals das „Privileg“ genoß, in der FAZ mit Leserbriefen ergänzende Informationen liefern oder gar in eigener Sache falsche Behauptungen geraderücken zu  können. Außerdem wurde ein von mir übersetztes Buch äußerst wohlwollend rezensiert, und die FAZ bemühte sich 1995 sogar, den bedeutendsten internationalen Clausewitz- Forscher, Professor Peter Paret von der Princeton University, dafür zu gewinnen, meine Doktorarbeit für die Tageszeitung zu rezensieren. Man wollte wohl nachziehen, hatte doch wenige Tage zuvor der zeitweilig ranghöchste General der Bundeswehr, Günter Kießling, meine Arbeit äußerst positiv im Konkurrenzblatt Die Welt besprochen.

Aber auch mit dem Hinweis auf meine Tätigkeit als Reiseleiter lag man gar nicht so verkehrt. Auf einer Reise nach Australien, Neuseeland, Tahiti und Fidschi lernte ich einen beeindruckenden Juristen kennen, einen ehemaligen Landrat und Geschäftsführer einer großen Regionalzeitung. Dieser machte mich mit seinem Freund Dr. Karl Friedrich Fromme, lange Jahre Leiter des Ressorts Innenpolitik der FAZ, bekannt, der mich einen ganzen Abend lang mit Interna aus der Redaktion der Frankfurter Allgemeinen Zeitung unterhielt und erfreute. Am meisten beeindruckte mich dabei eine Geschichte, die die Unabhängigkeit einer großen Tageszeitung sehr anschaulich verdeutlicht. Ignatz Bubis hatte direkt nach der Wende in Dresden eine Wiederaufnahme des Verfahrens angekündigt, in dem er in Abwesenheit 1952 wegen schwerer bandenmäßiger Hehlerei zu einer langjährigen Zuchthausstrafe verurteilt worden war. Als Dr. Fromme gut ein halbes Jahr später bei Bubis hinsichtlich des Standes des Wiederaufnahmeverfahrens nachhakte und dieser ihm mitteilte, er habe es zurückgezogen, wünsche aber nicht, daß darüber in den Tageszeitungen berichtet werde, informierte Fromme die Herausgeber der altehrwürdigen Tante FAZ. Diese unterwarfen sich der wohl als Drohung mißverstandenen Bitte des damaligen Vorsitzenden des Zentralrats. Man sieht an dieser kleinen Geschichte, daß Reisen durchaus bildet, und Reiseleiter bisweilen Dinge erfahren, die nicht nur Schlüpfrigkeiten beinhalten.

Wir sollten aber auch nicht die große Wochenzeitung Die Zeit bei unserem Rückblick vergessen. Zu einem internationalen Kongreß der Jungen Nationaldemokraten reiste Ende März mit Robert Schmidt auch ein Journalist von Zeit-Online nach Thüringen. Auch er wollte über den Kongreß berichten und interviewte zu diesem Behuf neben einigen anderen Rednern auch mich. Von Berichten über die NPD, natürlich möglichst negativen, leben in Deutschland wohl einige 100 Journalisten und „Experten“ über Rechtsextremismus. Für besonders witzig hielt Schmidt wahrscheinlich den Hinweis, daß Olaf Rose seine Rede an diesem Tag auch auf Englisch hielt, denn er, Rose, „möchte von seinen Gästen verstanden werden“. Ja, so ist das, Herr Schmidt, wenn viele oder gar die meisten Kongressteilnehmer kein Deutsch verstehen, dann muß man eben auf Englisch als Lingua franca zurückgreifen. Herr Schmidt schreibt ja auch auf Deutsch, mutmaßlich um von seinen Lesern verstanden zu werden.

Er echauffierte sich dann noch über die klassischen Klischees, etwa die von mir erwähnte relativ „gleichgeschaltete Medienlandschaft“, für die er mit seinem Bericht gleich selbst den besten Beweis lieferte, über die „schleichende Überfremdung“, die natürlich da, wo die Studienräte und akademischen Grünen-Wähler wohnen, noch nicht bemerkt worden ist, und zu guter Letzt behauptet er, ich wetterte angeblich über eine „Androgenisierung der Geschlechter“. Aber das tat ich gerade nicht, denn ich wetterte über eine „Androgynisierung der Geschlechter, also über das genaue Gegenteil. Aber was macht das schon für einen Unterschied: Vermännlichung oder Verweiblichung der Geschlechter. Und die heutigen Leser der Zeit, die merken sowas ohnehin nicht mehr. Nicht ohne Grund vermerkte also Walter Kempowski bereits 1991in seinem Tagebuch, daß sich die Lektüre der Zeit nicht mehr lohne. Das grenzt an Prophetie…

Dr. Olaf Rose